Das verwunde(r)te Herz

Es begab sich zu einer Zeit, als die Vögel noch sangen und die Herbstluft von der noch kräftigen Sonne angenehm temperiert war. Einem Idyll gleich lag das kleine Häuschen auf dem grünen Hügel, umrahmt von den Laubbäumen die sich den Gezeiten schon mit der Färbung ihrer Blätter unterwarfen. Eigentlich wollte man meinen, dass es nichts Schöneres gäbe. Es gab nichts zu sagen, nichts mehr zu tun, nur noch zu sein.

Das wusste sie, die, von der ich bereit bin zu erzählen. Eine Frau im Herbst ihres Lebens, einer Lebenszeit in der sie die Früchte ihrer Arbeit einfuhr.

Manche waren faulig, oder es war der Wurm drinnen - sie gönnte ihm den Schmaus - doch die meisten ihrer Arbeit Früchte waren schmackhaft und nährten sie. Nicht nur ihren Körper, den sie schon mit viel Bedacht beschenkte, Nein, auch ihrer Seele ließ sie die Nahrung zukommen, nach der sie dürstete.

Wenn man sie ansah, meinte man in des Mutters Gesicht zu blicken, so voller Güte und Wärme blickte sie einem entgegen, jedoch versagte sie sich auch die Strenge einer Mutter nicht. Sie hatte gelernt sich ihre Grenzen zu setzen und den Unterschied schon gespürt zwischen liebevoller Hingabe und aufopferungsvoller Aufgabe ihrer Selbst.

Der Schalk saß ihr im Nacken, sie lachte gerne, sie redete viel, und wusste auch viel zu erzählen. Man wollte meinen, es gäbe in ihrem Leben nichts mehr, was ihr Sein zu trüben vermochte, nichts mehr, was ihr Herz zum Bersten brächte, und fast wähnte sie sich selbst schon so unverwundbar, da sie ja alles verstand, was die Welt und die Menschen, alles Beseelte verband.

Doch niemand auf dieser Erde ist unverwundbar, jeder hat seine Schwachstelle. So wie einst auch Siegfried, der Drachentöter aus der Nibelungensage. Der, der im Blut des Drachen badete, und nicht ahnte, dass ein kleines, unscheinbares Lindenblatt auf seiner Schulter dereinst sein Verderben sein würde.

So lag auch auf dem Herzen dieser schönen Frau, ein kleines Lindenblatt, dass verhinderte, dass das Herz ohne Not und Pein blieb.


Die Vöglein sangen und die Herbstluft flirrte warm, und doch war an diesem Tag etwas anders. Es lag noch etwas in der Luft, dass sie nicht wirklich einzuordnen wusste. Sie ahnte, Nein, sie wusste, dass dieser Tag heute ein Besonderer werden würde.

Wie immer schickte sie sich an ihren Körper zu salben und dann ihre Segen zu sprechen draußen im Grünen, dort, wo sie die Kraft und Geborgenheit von Mutter Erde unter ihren nackten Füßen spürte. Dort, wo sie den Duft des bereits verblühenden Sommerflieders einatmen konnte und den Tanz der Schmetterlinge beobachten durfte, die sich mit den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen zu einem Stelldichein bei den Fliederblüten trafen.

"Möge alles zu meinem allerhöchsten, göttlichen Wohl geschehen", waren stets die Worte mit denen ihr morgendliches Ritual endete, und sie hoffte, dass das Göttliche in ihr auch heute wieder ein Einsehen hatte und sie ohne Gram, Schmerz und Weh ihren Tag bestreiten ließ.

Und selbst wenn es notwendig wäre etwas Schmerzliches zu erleben, dass hernach auch gleich wieder das Verstehen und Erkennen in die entstandene Wunde Einzug hält und Heilung geschehen darf.


Die Vöglein sangen und die Herbstluft war durchdrungen von den goldenen Sonnenstrahlen, als sie in ihrem Kleinod saß, und spürte, wie sie die Kraft verließ.

Was war geschehen, dass aus den sonst so gütigen, immer verständnisvollen graublauen Augen mit den goldenen Sprenkeln, statt der Weisheit die Trauer im Blick lag, der wie vernebelt schien.

Manchmal, ja manchmal findet der Gegner die verwundbarste Stelle im Herzen, jene Stelle die von dem Lindenblatt verdeckt war, jene Stelle, die nicht von dem Drachenblut benetzt wurde um unverwundbar zu werden. Und mit einer Leichtigkeit durchdringt dann jeder Pfeil, jedes Wort diese sonst so versteckte Stelle und dringt ein mit einem stechenden Schmerz. Ein Schmerz der die Frau betäubt, und sie erst einmal unfähig macht den wahren Schmerz auch einzulassen, zu zulassen.

So einen Schmerz kann nur jemand zufügen, der genau die Ecken des Herzens kennt, jemand, der diesem Herzen ganz nahe steht. Dies ist der Schmerz der Liebe, der Schmerz des Erkennens, des Verstehens, auch wenn man diesen Schmerz erstmal nicht wahrhaben möchte.

Das Wort eines so sehr geliebten Menschen, der wie ein Pfeil, ist er erst abgeschossen, sein Ziel nie verfehlt. "Atme, fühle, sei, bewege dich nicht, schreie nicht, wehre dich nicht, spüre", flüsterte ihr die Seele zu. Ihre Seele spricht immer mit ihr, und die Frau hat gelernt zu zuhören.

Erkennst du es, es ist das Karma dieses Leben. Es wiederholt sich, in anderer Zusammensetzung, mit anderen Menschen, es wiederholt sich. Willst du es wiederholen? Dasselbe noch einmal tun, was du schon mal getan hast? Wegfühlen? Lass es zu, den Schmerz des Vergangenen, den Schmerz der Gegenwart.

Und sie atmete durch, schwer war es, dieses Atemholen, so schwer wie schon lange nicht. Und die Graublauen sahen müde und traurig aus, ihre Sicht war vernebelt.

Ich sehe, ich verstehe, ich erkenne, und ich fühle. Ich fühle erneut den Schmerz des Unaussprechlichen, den Schmerz des alles durchdringenden Pfeiles.

Mit dem Verstehen begann bereits die Veränderung, auch wenn die Betäubung noch anhielt und sie das Gefühl hatte neben sich zu stehen. Und als sie zu sprechen begann, dass was in ihr an Gefühlen war nach oben drängte, ohne sie verstehen, er- oder begreifen zu wollen, rollten sich im ersten Moment Tränen mit herauf.

Ja, du darfst traurig sein, trauere, über das Vergangene und das Jetzt. Und jetzt heile, denn du hast die Zusammenhänge verstanden, die karmischen Bande die ihr generationsübergreifend geknüpft habt. Du hast sie gesprengt, eure Ketten gesprengt und dich und alle die da involviert waren befreit. Ohne diesen Schmerz, ohne das Lindenblatt, dass erst zugelassen hat, dass der Pfeil dich hier verletzen kann. hättest du diese Ketten nie sprengen können.

Die Tränen der Trauer über einen längst hinausgezögerten Abschied, lösten Tränen der Erleichterung ab. Ja, es ist gut so wie es ist.

Sie atmete durch die Frau, und beim nächsten Ausatmen griff sie nach dem Pfeil der in ihrem Herzen steckte und zog ihn heraus. Blut sickerte nach, doch sie verlor ihr Leben nicht, Nein, sie gewann es wieder ein Stück mehr zurück. Balsam legte sich über die Wunde und ihre Seele webte mit goldenen Fäden der Liebe ein feines Netz, sodass hier kein Pfeil mehr Ungemach anrichten würde - nicht an dieser Stelle, denn diese wurde geheilt......




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